1. Kor 7, 20-23
20 Jeder aber bleibe an seinem Ort, an den er berufen worden ist.
21 Bist du als Sklave berufen worden, soll es dich nicht kümmern; kannst du aber frei wer-den, so nutze die Gelegenheit dazu erst recht.
22 Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist ein Freigelassener des Herrn; ebenso ist, wer im Stande der Freiheit berufen wurde, ein Sklave Christi.
23 Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht Sklaven von Menschen!


Paulus wendet sich an die Sklaven Korinths und zeigt ihnen eine Möglichkeit auf, wie sie sich innerlich frei fühlen können, wie sie einen Freiraum gewinnen, eine eigene Handlungsmög-lichkeit.
Die Gemeinde von Korinth war von starken kulturellen und sozialen Spannungen geprägt. Juden und Griechen, Männer und Frauen und Sklaven und ihre Herren. Wenn ein Hausherr sich zu Christus bekehrte, galt das in der Regel für alle, die in seinem Haus waren: seine Frau, die Kinder, die freigelassenen Bediensteten, und zuunterst in der Hierarchie die Skla-ven.
Paulus erwartete, dass Jesus als der Messias sehr bald wiederkehren und die Ordnung der Welt auf den Kopf stellen würde. Er erwartete, dass dann gelebt würde, dass alle eins sind in Christus, wie er im Galaterbrief schreibt: da ist nicht Mann noch Frau, nicht Sklave noch Freier, nicht Jude oder Grieche.
Doch bis es so weit ist, müssen die Sklaven einen Weg finden, wie sie mit ihrer Situation um-gehen können. Und daher schreibt ihnen Paulus, sie seien in Christus freigelassen, obwohl sie in ihrem Leben alles andere als frei sind, sie sind im Gegenteil völlig abhängig von der Will-kür ihrer Herren. Er öffnet ihnen einen inneren Spielraum und spricht sie auf die Freiheit in Christus an. Im Brief an die Kolosser empfiehlt er den Sklaven sogar, sie sollen ihren Herren dienen, nicht um ihnen zu gefallen, sondern um Christus zu dienen. Wenn ich mich als un-freier Sklave dazu entscheide, Christus zu dienen, habe ich plötzlich eine innere Freiheit ge-wonnen in einer Situation, die ich nicht verändern kann.
Die innere Freiheit in Christus haben wir alle zur Verfügung, auch jetzt, hier und heute, kein Virus kann sie rauben. Vieles dürfen wir nicht, vieles entbehren wir auch. Aber die Freiheit in Christus kann uns niemand und nichts rauben. Und sie kann uns den inneren Spielraum ge-ben, aus dieser Freiheit heraus mitten in der Unfreiheit zu leben und zu wirken.
Mir ist das Gedicht «wer bin ich» von Bonhoeffer in den Sinn gekommen, welches er im Ge-fängnis schrieb.
Ich finde sein Ringen um die innere Freiheit absolut nachvollziehbar beschrieben. Auch wenn dieser unverlierbare Ort der Freiheit tief in uns drin ist, fühlen wir uns doch oft gar nicht so.
Freiheit in Christus heisst für mich auch, auf Jesus schauen. Er ist für mich ein Mensch, der diese Freiheit ganz radikal gelebt hat. Er war z.B. frei von seinen Familienrollen. Anstatt die Schreinerei Josefs zu übernehmen, ist er ausgestiegen. Er lebte in selbstgewählter Armut mit seinen Freunden. Er zog sich zurück, wenn er es brauchte, sich mit Gott zu verbinden. Und er schlief mitten im Sturm auf dem See Genezareth vertrauensvoll ein. Dass aber diese Freiheit auch hart erkämpft werden musste, zeigt sein Kampf in Gethsemane. Dort hat er darum ge-rungen, selbst sein JA zu finden zu seinem Weg, ein Weg der Hingabe, der freiwilligen Hin-gabe in das «Dein Wille geschehe». Auch Bonhoeffers Gebet endet damit: «Dein bin ich, o Gott.»
Das ist Freiheit in Christus! Und wenn wir aus dieser leben, dann hat dies Strahlkraft nach aussen, sie wird sichtbar, spürbar, befreiend für uns und andere.


Wer bin ich? Sie sagen mir oft
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
 
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

(aus: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung)