Vertrauen

Im Sturm

Mk 4, 35 Am Abend jenes Tages sagte er zu ihnen: »Lasst uns ans andere Ufer fahren.« 36 Sie schickten die Volksmenge weg und nahmen ihn so, wie er war, im Boot mit. . . . 37 Plötzlich kam ein heftiger Sturmwind auf, und die Wellen schlugen ins Boot, so dass es voll Wasser lief. 38 Jesus lag im Heck und schlief auf einem Kissen. Sie weckten ihn und riefen: »Meister, machst du dir keine Sorgen, dass wir dabei sind unterzugehen?« 39 Der Aufgeweckte drohte dem Wind und sagte zum See: »Schweig! Sei still!« Da legte sich der Wind, und es wurde völlig still. 40 Er fragte sie: »Was fürchtet ihr euch? Habt ihr noch kein Vertrauen?«

 

Das Bild stammt aus dem Hitdaevangeliar, 1000 n Chr geschrieben, eine Zeit, in welcher man die Bibel noch von Hand abschrieb, wie aktuell die Coronabibel in St. Gallen.

Die Tätigkeit wurde von Mönchen und Nonnen ausgeübt . Bei besonders kunstvollen Abschriften gab es nicht nur verzierte Buchstaben, sondern auch Miniaturen zu den biblischen Geschichten. Es war eine langsamere Zeit. Die Worte von Hand schreiben, die Bilder malen, das alles dauert. Da verweilt die schreibende Person unter Umständen auch länger bei einer Geschichte, bewegt sie innerlich.

Welche unbekannte Künstlerin auch immer dieses Werk geschaffen hat, ich bin überzeugt, dass es aus Meditation geboren wurde. Es ist eine Art inneres Schauen resp. inneres Hören, welches zu einem solchen Bild führt.

Das Schiff hat eine Form, als wäre es ein Fisch, weit offen und erschreckt sein Maul, ragt hinein in den Rahmen, sprengt ihn, und hinten, der Schwanz.

Ein Fisch müsste ja eigentlich keine Angst haben vor dem Wasser, doch offensichtlich reicht diese Angst hier tiefer, es ist die Angst vor dem Abgrund. Das ganze Schiff-Fischgefährt steuert auf diesen zu, neigt sich ihm zu, das Schiff ist bereits aus dem Lot gefallen, nicht mehr waagrecht.

Die Ruder greifen haltlos in die Luft. Das Segel flattert im Wind, die Taue sind losgerissen.

Stürme gehören zur Natur und sie gehören zu jedem Leben. Es gibt individuelle Stürme, aber auch kollektive, die uns als ganze Gesellschaft treffen wie z.B. die Pandemie. Das ist ein weltweiter Sturm, der in manchen Gegenden abebbt, in andern anschwillt, so unberechenbar wie die Winde eines Sturmes.

Wenn man droht, unterzugehen, ist Angst eine normale Reaktion, die Freunde Jesu haben sie mit Recht, der Sturm ist offensichtlich gefährlich. Wir sehen es auf dem Bild, angstvoll und verzagt blicken sie in den Himmel, eine kleine Hand versucht ein Tau zu fassen.

Der Sturm kam sehr plötzlich. Was plötzlich kommt, erschreckt. Dann gibt es zwei erste Schockreaktionsweisen: entweder wir starren voller Schreck darauf, oder aber wir schauen weg und tun so, als wäre es gar nicht da (das ist die Haltung der Coronaleugner). Beides sind Angstreaktionen. Und dann kommt der Versuch, das Erschreckende zu bewältigen. Rudern, Taue ergreifen, Wasser ausschöpfen, etwas tun dagegen, kämpfen, nicht einfach so aufgeben. Die Freunde Jesu tun das redlich und wohl auch beharrlich über einige Zeit hinweg. Auch das eine ganz natürliche Reaktion in den Stürmen unseres Lebens: wir kämpfen, damit wir nicht untergehen. Das ist richtig und notwendig.

Doch der Abgrund, der ist offensichtlich sehr bedrohlich, und die Kräfte sind erschöpft. Manche Stürme sind einfach zu gross, zu übermächtig, sie drohen uns zu verschlingen.

Inmitten dieses Sturms ist die Rettung mit an Boot. Eines der Gesichter schaut nicht in den Sturm, sondern auf Jesus. Und eine Hand mit drei ausgestalteten Fingern ruht auf seiner Schulter, deutet auf ihn, die grösste, am Kunstvollsten ausgestattete Gestalt auf dem Bild mit weissem Gewand, mit Strahlen auf dem Nimbus.

Jesus schläft einen tiefen Schlaf des bedingungslosen Vertrauens. Das Kissen, auf dem er schläft - oder ist es ein verlängerter Ärmel? - zeigt direkt mit seiner Spitze nach unten, in den Abgrund.

Die Überwindung des Sturmes liegt in diesem Zipfel, der in den Abgrund deutet. Das Vertrauen reicht so tief, dass es den Abgrund, auf den das Boot zusteuert, bereits überwindet. Es ist ein Urvertrauen in die göttliche, väterlich-mütterliche Liebe, ein Zeichen der innigen Verbindung, die sich inmitten des Sturms gehalten und getragen weiss.

Diese Jüngerhand zeigt auf die Rettung, auf Jesus und blickt auch auf ihn. Und darin liegt auch eine tiefe Weisheit verborgen.

Was ich anschaue, wächst, hat mir mal eine Supervisorin gesagt. Wenn ich auf das schaue, was mir Angst macht, wird es grösser. Wenn ich auf Jesus schaue, wird das Rettende grösser. Dann kann ich mich verbinden mit seinem schlafenden, tiefen Vertrauen, das sich gehalten weiss von Gott, das weiss, dass auch der grösste Sturm daran nichts ändern kann. Ich kann sein Vertrauen tief in mich aufnehmen und selbst spüren, wie dieses Vertrauen in mir Resonanz findet. Und dann kann es inmitten des Sturms ruhig werden in mir.

Es ist Vertrauen , das tiefer reicht als die Ängste. Diese verschwinden unter Umständen nicht einfach und lösen sich auch nicht in Luft auf. Doch unten drunter, da trägt das Vertrauen. Da ist dieser Ort der Stille, wo die Winde schweigen, wo es ganz ruhig und still ist in mir, eine Art heiliger Raum. Es ist dieser Raum, in dem ich ganz verbunden bin mit Gott, ganz eins, so wie Jesus auch. Und dieser Raum reicht tiefer als jeder Abgrund, jede Angst und jeder Sturm. Und er ist da, inmitten des Sturms, nichts kann uns letztlich daraus je vertreiben.

So sind wir als Nachfolgende verbunden mit den Jesuanischen Kräften in uns selbst drin, als Vertrauende, als Sturm-Still-Ende.