Mk 10, 42b »Ihr wisst doch: Die als Herrscherinnen und Herrscher über die Völker gelten, herrschen mit Gewalt über sie, und ihre Anführer missbrauchen ihre Amtsgewalt gegen sie. 43 Bei euch soll das nicht so sein! Im Gegenteil: Wer bei euch hoch angesehen und mächtig sein will, soll euch dienen, . . 45 Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und das eigene Leben als Lösegeld für alle zu geben.«

Jesus spricht von einer deutlichen Umkehr der Werte. Normalerweise sind wir bestimmt davon, mit einem bestimmten Rang auch entsprechende Privilegien zu haben. Je höher unsere Position, desto mehr an Privilegien sind damit verbunden. Es gibt welche, die wir uns selbst erarbeitet haben (Stellung im Beruf z.B., ev auch in der Politik), andere, in die wir hineingeboren worden sind: Geschlecht (männlich hat einen höheren Rang als weiblich), Hautfarbe (weiss hat einen höheren Rang als people of color), die Familie, in die wir hineingeboren wurden, Gesundheit (hat höheren Rang als Krankheit), Nationalität, Religionszugehörigkeit, etc

Doch die Zeiten ändern sich auch. Die früheren Dorfautoritäten wie Lehrer, Arzt und Pfarrer haben heute längst nicht mehr denselben Stellenwert. Ärzte sind keine Halbgötter in Weiss mehr, Lehrer verprügeln keine Kinder mehr mit dem Lineal, Pfarrer donnern nicht mehr von der Kanzel. Zum Glück!

Heutzutage erleben wir fast schon eine Kehrseite davon. In der Politik wird heute mit harten Bandagen gekämpft. Da wird auf den Mann und auf die Frau gezielt, nicht alle haben eine Haut, die dick genug ist, um sich dies anzutun. Dennoch: auch heute gibt es in der Gesellschaft Menschen mit mehr Einfluss und Macht, andere mit weniger.

Jesus stellt für seine Nachfolgenden eine Umkehr der Werte in den Raum. Er sagt, dass es im Reich Gottes um eine andere Art von «oben sein» geht, es geht um das Dienen.

Dienen klingt nicht gerade populär und hat keinen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Dazu lädt er jedoch nicht diejenigen ein, die eh selbst nichts haben und gar keine andere Wahl haben, denn das wäre Ausbeutung, sondern diejenigen, die Macht und Einfluss haben oder danach streben. Sie sollen dienen wie er. So wie er z.B. seinen Freunden die Füsse wusch, die Arbeit eines Dieners oder Sklaven.

Wer sich im weitesten Sinn als Nachfolgenden von Jesus von Nazareth sieht, fragt daher als Erstes: was dient dir? Was dient uns? Was dient der Gemeinschaft? Was dient der Menschheit als Ganzes? Was dient der Schöpfung? Letztlich geht es um die Frage: was dient der Liebe. Jesus hat diese Hingabe an den Liebeswillen Gottes gelebt, bis hin zur Hingabe an seinen gewaltsamen Tod, der zeigte, dass dieser nicht das letzte Wort hat, sondern die auferstehende Kraft der Liebe. Viele andere haben es ihm gleichgetan. Und sie haben durchaus geführt, Menschen wie Martin Luther King, Nelson Mandela, Mutter Teresa und aktuell Greta Thunberg. So sind wir alle aufgerufen, uns diese Frage immer wieder zu stellen: was dient der Liebe? Daraus folgt ein verantwortliches Handeln. Eines, das durchaus bereit ist, auch zu führen, Jesus hat dies ja auch getan. Je mehr persönlichen Rang ich habe, desto grösser ist meine Verantwortung dafür, zu tun, was der Liebe dient.

Wie sähen unsere Kirchgemeinden, wie sähen unsere Gemeinschaften, wie sähe die Gesellschaft, die Welt aus, wenn wir dies beherzigen würden? Wenn Macht haben heissen würde, sich in den Dienst stellen, andere ermächtigen, füreinander da sein, miteinander da sein?

Und brauchen wir das nicht in besonderem Mass jetzt, wo alle Nerven blank liegen, alle Corona satt haben bis zum Überdruss, die Menschen auch in Europa zu hungern beginnen, gar nicht zu reden von dem, was weltweit geschieht an Armut, Leiden und bitterer Not. Füreinander und miteinander da sein, liebend und daher dienend verbunden, das tut ganz besonders not.

Wir können dies, weil Gott selbst uns dient. Gott selbst hat die Werte umgekehrt und erlebt, erlitten. Geboren abseits der Königspaläste, in einem kleinen Nest, in einer Ecke des damaligen römischen Weltreichs, in einer kleinen Religionsgemeinschaft, kein Kind von jemandem, der Rang oder Namen gehabt hätte, ein Aussteiger, der mittellos mit seinen Freunden durchs Land zieht, predigt, Menschen heilt, vom Reich Gottes erzählt, gegen den Tempel als Hort der Korruption predigt, und dann gekreuzigt wird. So zeigt sich uns der Gesalbte, der Menschensohn, der Gekreuzigte und Auferstandene, der Gott, dessen hebräischer Name, den er Mose offenbarte, auch übersetzt werden kann mit: «Ich bin für euch da».