Vitamine für die Seele


Liebe Leserin
Lieber Leser

Jeder Mensch braucht ab und zu seelische Nahrung die gut tut. Mit den "Vitaminen für die Seele" wollen wir Ihnen, in losen Abständen, solche Nahrung bereitstellen. Wir wünschen Ihnen, Momente an denen Sie aus dem Altagstrott ausbrechen können und dabei diese Vitaminen tanken können.

Falls Sie das Bedürfnis für Seelsorge, für andere Anliegen, oder konkrete Hilfeleistungen haben, können Sie sich jederzeit an mich wenden.

Pfrn. Annette Spitzenberg

 

Weihnachten 2023

Glücklich lächelnd rührt Emma in ihrer Teetasse und blickt ihren Enkel Sergio und ihre Tochter Mia liebevoll an. Die letzten Kerzen am Baum sind verlöscht. Ein zarter Duft nach Bienenwachs, Zimt, Nelken und Orangen hängt noch in der Luft. «Nun kommt unsere vereinbarte Bescherung», sagt Emma entschlossen, «wir schenken einander unsere Geschichten. Sergio, du bist der Jüngste, magst du beginnen?».
Sergio nickt: «Ja, vor 18 Jahren geboren, Sternzeichen Widder, eine glückliche Kindheit, auch wenn ich mir manchmal Geschwister gewünscht hätte, liebe Fussball, bin in Ausbildung zum Pflegefachmann. Das wisst ihr alles, doch nun zum Wichtigen: Ich wagte als Kind nie zu hinterfragen, warum ich nur Kontakt hatte zu meinen Grosseltern väterlicherseits. Die wenigen Male, die ich dich, Mama, nach deinen Eltern fragte, wurden deine Lippen hart und ich spürte einen Schmerz. Also akzeptierte ich, was war. Und dann kam die Zeit der Seuche, die mir meinen geliebten Grossvater nahm. Ich hing so sehr an ihm. Und da dachte ich plötzlich, was, wenn meine anderen Grosseltern auch einfach sterben und ich habe sie nie gesehen, nie gekannt! Ich wusste ja nicht, dass mein anderer Grossvater bereits gestorben war. Da ging ich wieder zu dir, Mama, weisst du noch? Ich bohrte nach. Und wieder wolltest du nichts sagen. Doch diesmal gab ich nicht nach. Ich habe doch ein Recht, zu wissen, wo meine Wurzeln sind, schrie ich dir mit der ganzen empörten Energie meiner 16 Jahre ins Gesicht. Und schliesslich hast du mir immerhin verraten, wo du aufgewachsen bist. Und dann war es nicht mehr schwer, dich zu finden, Emma. Kurz vor Weih-nachten vor zwei Jahren stand ich mit klopfendem Herzen und einer Schutzmaske im Gesicht vor deiner Türe und habe geklingelt. Ich war fast froh um die Maske, damit man mir meine Nervosität nicht ansieht. Aber jetzt müsstest du weitererzählen, Emma.»
Emma seufzt ganz leicht, nimmt einen zittrigen Atemzug und beginnt dann leise. «Ja, ich habe ein paar Jahre mehr auf dem Buckel. Und ich bin wirklich nicht auf alles stolz. Ich habe viele Fehler gemacht. Doch manches hat man zu unserer Zeit halt einfach anders gemacht als heute. 75 Lenze zähle ich, wurde geboren in eine kinderreiche Familie. Wir hatten nicht viel, und als Mädchen durfte ich damals keine Lehre machen, ich war die Zweitälteste und musste nach der Schule in der Fabrik arbeiten, um zum Familieneinkommen beizutragen. Ja und dann kam dein Grossvater Kurt und hat um meine Hand angehalten. Er war Bauer und ich stellte es mir wunderbar vor, auf dem Hof zu arbeiten anstatt in der Fabrik und wir haben jung geheiratet. Damals hiess es eben: «In guten wie in schlechten Tagen und bis dass der Tod euch scheide.» Die Arbeit auf dem Hof machte mir tatsächlich viel Freude. Doch seine Eltern haben mich nie akzeptiert und machten mir das Leben schwer. Als ich schwanger wurde mit dem ersten Kindlein und es im 8. Monat verlor, hatte ich niemanden, der mich tröstete in meinem Schmerz. Wie gross war mein Glück, als es beim nächsten Mal klappte und du, Mia, auf die Welt kamst. «Nur ein Mädchen», hiess es zwar hinter vorgehaltener Hand, denn ein Stammhalter wäre allen lieber gewesen, doch du verstandst es, die Herzen deiner Grosseltern zu erobern. Ich aber, nach der schweren Geburt, in der ich fast mein Leben ge-lassen hätte, bekam die Nachricht, ich dürfe kein weiteres Kind haben. Ich weiss nicht, ob es das war, aber auf jeden Fall begann Kurt von da an zu trinken und wurde böse. Ich fühlte mich schuldig und habe alles erduldet. Seine heftigen Worte, irgendwann später seine Schläge im Suff. Es wurde noch schlimmer, als seine Eltern starben. Und ich habe die Augen verschlossen vor dem, was er dir, Mia, angetan hat. Auch dich hat er geschlagen. Ich habe zwar versucht, dich zu beschützen vor seinen Schlägen, habe mich ihm in den Weg gestellt, damit er mich drannimmt, aber das war zu wenig. Einmal hatte ich den Mut und floh mit dir ins Frauenhaus. Das brachte ihn für einen Moment zur Besinnung und er versprach Besserung. Und ich ging zurück, eine Weile ging es gut. Doch es hielt nicht lange. Und du, Mia, begannst zu rebellieren, dich zu widersetzen, du entglittest mir, triebst dich in der Stadt herum. Er hat dich wieder geschlagen. Und dann kam dieser Tag: Du standest vor mir, mit zornlodernden Augen wie eine Rachegöttin mit blauen Flecken im Gesicht, und sagtest mir: «Entweder er oder ich, entscheide dich.» Ich war sprachlos, schaute dich entsetzt an, zitternd, unfähig, mehr zu tun als zu stammeln: «Ich kann nicht». «Du bist so schwach, ich verachte dich, hoffentlich werde ich nie wie du! Ich gehe jetzt, für immer.» Das hast du mir ins Gesicht geschleudert. 18 Jahre alt warst du. Und du gingst. Ich habe dich gesucht. Und wusste bald, wo du warst, aber ich bekam die Antwort, du wollest mit uns nichts mehr zu tun haben. Und selbst da hatte ich nicht die Kraft, Kurt zu verlassen. Er bekam einen Schlaganfall, und ich sah es als meine Aufgabe an, für ihn zu sorgen. Und es hat ihn verändert. Er konnte nicht mehr sprechen, war halbseitig gelähmt, und ich gab ihm keinen Alkohol. Er wurde allmählich wieder zu dem Kurt, den ich einst geheiratet hatte. Die Briefe, die ich dir schrieb, kamen immer ungeöffnet zurück. Und als dein Vater starb, ver-suchte ich es wieder, vergeblich. Da liess ich es. Es tat sehr weh, aber ich konnte es nicht ändern. Ich wusste, dass du geheiratet hattest und Mutter wurdest und hoffte einfach, du seist glücklich. Jeden Tag habe ich dich unter den Schutz Gottes gestellt und wohl tief in mir die Hoffnung nie ganz aufgegeben. Ich begann, mich für andere zu engagieren, wollte bei andern gutmachen, was ich bei dir versäumt hatte. Ich machte eine Ausbildung zur Rotkreuzhelferin und arbeitete im Pflegeheim bis zur Pensionierung. Ich hatte Pflegekinder bei mir, betreute im Flüchtlingsheim die Kinder, während ihre Mütter in der Sprachschule waren. Ich war in der Besuchsgruppe der Kirchgemeinde. Doch dann kam diese Seuche. Und ich konnte das alles nicht mehr machen. Und da ging es mir wirklich schlecht. Die Einsamkeit lastete auf mir wie ein schwerer Stein. Ich ging kaum mehr aus dem Haus, nicht nur wegen der Seuche, auch weil ich keinen Sinn mehr sah in meinem alten, nutzlosen Leben. Als es dann klingelte, und du, Sergio, vor der Türe standst und mir sagtest, du seist mein Enkel, bin ich vor Freude und Schreck fast in Ohnmacht gefallen. Wir begannen, zueinander Fäden zu spinnen, uns anzunähern. Vorsichtig gingen wir vor, die Seuche half uns, nichts zu überstürzen. Und jetzt, Mia, bist du dran.»
«Ja, damals als Teenie war ich nahe daran, auf die schiefe Bahn zu geraten. Ich experimentierte mit Drogen und kam in falsche Kreise. Doch mein Lehrmeister mochte mich, stand hinter mir und hat an mich geglaubt. Er hat mir die Grossfamilie vermittelt, die mir den notwendigen Halt geben konnte, mich auffing und mir Sicherheit vermittelte.» Leise Tränen rinnen Mia bei dieser Erinnerung von den Wangen. «Doch meine Kindheit wollte ich für immer hinter mir lassen. Ich war sehr glücklich, als ich Antonio kennen lernte, wir heirateten, eine gleichwertige Partnerschaft führten und du, Sergio, unser Glück vollkommen gemacht hast. Es tat mir gut, ein liebevolles Verhältnis zu haben zu seinen Eltern. Und wenn du, Sergio, kamst, um Fragen zu stellen, sagte ich dir immer, deine anderen Grosseltern seien doch genug. Als mein Vater starb, fühlte ich nichts. Das er-schreckte mich ein wenig. Doch als mein Schwiegervater starb, weinte ich wie ein Kind. Und diesmal, Sergio, wusste ich, dass ich dir nicht mehr län-ger den Zugang zu deiner Herkunft versperren konnte. Und auch ich begann, ganz behutsam die verschlossenen Türen zu meinem vergrabenen Schmerz zu öffnen. Denn du, Sergio, hast nicht lockergelassen. Die Seuche kam mir gerade recht, sie hat mir Vorwand und Zeit gegeben für diesen Rückzug in mich selbst. Und dann, vor einem Jahr an Weihnachten, gab ich mir einen Ruck und kam mit Sergio zu dir am Stefanstag, als Überraschung.»
«Wie wir da weinten,» erinnert sich Emma, «wie die Schlosshunde. Wir la-gen einander in den Armen und schluchzten hemmungslos.»
«Ich dachte schon daran, einen Kanal zu bauen, um das Wasser abzuleiten.» grinst Sergio.
«Sind die Schleusen erst mal offen . . . « lächelt auch Mia. «Und da begannen wir uns zu finden, zu versöhnen. Es gibt immer noch Dinge, die ich nicht verstehe, Wunden, die noch schmerzen. Ich brauchte Zeit und ich konnte dir das sagen. Und du hast mir Zeit gelassen, bis wir uns nach einem halben Jahr wieder trafen. Und als du dann die Idee hattest, dass wir uns dieses Jahr zu Weihnachten unsere Geschichten schenken, spürte ich, dass die Zeit dafür reif ist. Es kam mir vor wie die Seuche, die so viel an Unheil gebracht hat, mir meinen Schwiegervater und deinen Grossvater genommen hat, Tod, Armut, Elend, Einsamkeit und Angst gebracht hat. Und gleichzeitig war es, als würde sie die Wunden nicht nur unserer Gesellschaft blosslegen, sondern auch die eigenen Wunden, damit man sich ihnen stellen kann und es nachher anders wird.»
Stolz blickt Emma auf ihre Tochter. «Das hast du schön gesagt.» Und dann steht sie auf, geht zum Tannenbaum, bückt sich, holt das kleine Holzkrippefigürchen mit dem Jesuskind und einen der Engel. «Als du, Sergio, vor zwei Jahren kamst, warst du für mich wie dieser Engel. Du hast mir wieder ins Leben geholfen. Und als du, Mia, vor einem Jahr kamst, war es so, als wärst du nach der Flucht nach Ägypten zurückgekehrt. Und dieses Jahr ist mir, als hätte ich dich nochmals geboren und mich gerade mit. Ich bin so stolz auf dich und Sergio! War es denn nicht ähnlich, als das Jesuskind geboren wurde? Eine dunkle Zeit voll Angst und Not. Doch als die Nacht am tiefsten war, wurde es hell, und Gottes Licht kam mitten in die Wunden dieser Welt, damit sie heilen können. Wenn wir warten und die Hoffnung nicht aufgeben, dann wird es Weihnachten.»
Pfrn Annette Spitzenberg

"So liebe denn Adonaj, Gott für dich, mit Herz und Verstand, mit jedem Atemzug und mit aller Kraft."
Dtn 6, 5
 
Diese Worte sind Bestandteil des täglichen Glaubensbekenntnisgebets im Judentum, sie sind aber auch von Jesus zitiert worden, als er nach dem grössten Gebot gefragt wurde, verbunden mit dem Gebot der Nächstenliebe.

Gott lieben mit aller Kraft, mit der ganzen Seele, mit dem ganzen Wesen, mit jedem Atemzug. Im Judentum wird die Gottesliebe verbunden mit dem Halten der Gebote, sie erweist sich in der Praxis. Doch wenn ich mich mit dem Atemzug verbinde, dann reicht die Liebe tiefer als menschliches Tun. Dann ist eine Wesensantwort gemeint, eine Haltung.

Zum einen kann ich Gott nur lieben, weil Gott selbst Liebe ist und diese Liebe bedingungslos ist. Mein Lieben ist Antwort auf Gottes Liebe. Und zum andern hat der Atem zu tun mit allem Leben, welches um mich herum ist. Und in all diesem Leben kann ich Gott entdecken und lieben.

Ich spüre zurzeit eine wachsende Dankbarkeit für all das, was wieder möglich ist, wenn auch mit Einschränkungen: Freunde treffen, Essen gehen, Gottesdienste feiern (ich freue mich riesig, bald viele wieder zu sehen!), Kultur geniessen, Hausbesuche machen, etc. Vielleicht geht es auch Ihnen so, dass Sie Freude und Dankbarkeit wachsend spüren.
Gleichzeitig macht mich meine Dankbarkeit auch demütig, andere Menschen würden sich wünschen, nur schon wieder arbeiten zu können, um ihren täglichen Lebensunterhalt zu verdienen und nicht hungern zu müssen.
Dankbarkeit ist eine Fähigkeit, die auch unter widrigsten Umständen Kraft geben kann. Immer wieder sind mir in meiner Tätigkeit als Spitalseelsorgerin Patientinnen und Patienten begegnet, die eine eindrucksvolle Dankbarkeit ausgestrahlt haben, oft trotz schweren Diagnosen. Ein inneres Leuchten erfüllte diese Menschen.
Und da wurde mir sehr bewusst, dass Dankbarkeit nicht davon abhängt, wie meine Lebensumstände sich darbieten, sondern wie ich mich selbst zu ihnen stelle, ob ich das Glas halbvoll oder halbleer sehe. Und das ist zu einem Teil auch Veranlagung.
Doch man kann sie auch einüben.
Ich erinnere mich, was mir meine damalige Exerzitienleiterin vor vielen Jahren erzählte. Sie bekam einmal die Aufgabe, in einer sehr dunklen Zeit ihres Lebens für dreissig Dinge täglich zu danken, und wenn es nur für Selbstverständlichkeiten war wie fliessendes Wasser. Das tat sie und allmählich kehrte die Freude wieder in ihr Leben zurück.
Eine andere Möglichkeit, die Dankbarkeit einzuüben, ist ein kleines Ritual. Man kann in die Hosentasche oder Schürzentasche ein paar Kieselsteine oder getrocknete Bohnen legen. Jedes Mal, wenn einem etwas Schönes begegnet, kann man einen Kiesel oder eine Bohne nehmen, und sie in die andere Tasche stecken. Am Ende des Tages ist man vielleicht erstaunt, wie viel Schönes einem begegnet ist.
 
Bohnensorten

 

Rendez-Vous mit sich selbst
 
Viele Jahre ist es her, da hat mir eine Begleiterin meines Lebens folgenden Tipp gegeben: «Gönne dir jeden Tag eine Viertelstunde für dich selbst, in der du dich verwöhnst und dir selbst etwas Gutes tust. In dieser Viertelstunde bist du nur für dich da». Dieser Ratschlag erwies sich als richtungsweisend für mich. Zum einen war es mir bis anhin völlig fremd, mir selbst etwas zu gönnen (das ist vielleicht eine Krankheit, die in stärkerem Mass Frauen betrifft), und zum zweiten war ich es gewohnt, die Bedürfnisse anderer als wichtig anzuschauen, nicht meine eigenen. Es sich selbst wert zu sein, sich etwas Gutes zu tun führte aber nicht zu Egoismus und Selbstbezogenheit, sondern zu grösserer Selbstwertschätzung und der Fähigkeit, diese wiederum auch andern zukommen zu lassen.
Somit lade ich auch Sie ein, sich ein Rendez-Vous mit sich selbst zu gönnen und auszuprobieren, wie Sie sich selbst eine Viertelstunde lang verwöhnen und sich etwas Gutes tun können.
Du Christus, unser Bruder,
 
Heute wollen wir dir danken. Wir wollen dir danken, dass die Infektionszahlen zurückgegangen sind, hier in der Schweiz, aber auch in fast ganz Europa.
Viele Freiheiten haben wir dadurch zurückgewinnen können. Vieles ist wieder möglich, was vorher nicht der Fall war. Wir freuen uns! Wie schön das Leben ist! Wir wollen dir danken, dass grosse Disziplin dies möglich gemacht hat, verbunden mit einer umsichtigen und glaubwürdigen Politik und ebensolcher Kommunikation. Wir sind vom Schlimmsten verschont geblieben. Dafür danken wir dir von Herzen!
Andere jedoch sind es nicht. Die Ärmsten, die von einem Tag auf den anderen ihre Einkünfte verloren haben, sind bedroht von Hunger, Elend, gar von Tod.
Länder mit schwachen Gesundheitssystemen kämpfen immer noch mit hohen Infektionszahlen. Das Virus wütet an anderen Orten dieser Welt ungebremst.
Hilf uns, inmitten unserer Freude diese andere Not nicht zu vergessen, und uns daran zu erinnern, dass wir zu einem Leib gehören. Du Christus, hast gesagt, wenn ein Glied leidet, dann leiden alle anderen mit.
 
Amen